Zur Entstehungsgeschichte von Grimms Kinder- und Hausmärchen

 

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm werden im Januar 1812 durch den romantischen Dichter Achim von Arnim ermuntert, die von ihnen in den vorhergehenden sechs Jahren aus schriftlichen oder mündlichen Quellen gewonnenen Märchentexte zu publizieren. Arnim schlägt den Berliner Verleger Georg Andreas Reimer vor, bei dessen Realschulbuchhandlung er auch seine eigenen Werke publiziert. Am 13. Juni kann Arnim den Brüdern mitteilen: Reimer will Eure Kindermärchen drucken und sich so mit Euch setzen, daß er Euch ein gewisses Honorar giebt, wenn eine bestimmte Zahl Exemplare abgesetzt sind. Reimer fordert am 17. 9. das Druckmanuskript an, welches ihm darauf in zwei Partien, am 26. 9. und 30. 10., übersandt wird.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Titelblatt zu Band I der Erstausgabe (1812)

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Titelblatt zu Band I der Erstausgabe (1812)

Kurz vor Weihnachten 1812 kann der erste Band der Kinder- und Hausmärchen erscheinen. Da er ohne die Angabe „erster Teil“ auf dem Titel erscheint, war also zunächst an eine Fortsetzung nicht gedacht. Reimer schickt am 20. Dezember einige fertig gewordene Exemplare an die Brüder Grimm nach Kassel. Auch Bettina von Arnim, deren Sohn Johannes Freimund (damals erst im Säuglingsalter!) das Werk gewidmet ist, hatte von Reimer ein Exemplar erhalten.

Zumindest bei einem Teil der Auflage verzögert sich aber die Auslieferung. Dies ist darauf zurück zu führen, dass das letzte Märchen, Nr. 86 Der Fuchs und die Gänse, offenbar versehentlich nicht mit abgedruckt wurde, obwohl im „Anhang“ des Werks Bezug darauf genommen wurde. Dieser editorische Fehler konnte entgegen Wilhelms Wunsch, das entsprechende Blatt noch in der laufenden Auflage auszutauschen, erst mit der Auslieferung des zweiten Teils im Jahre 1815 behoben werden, so dass alle Exemplare des Erstdrucks von 1812 ohne das Märchen Nr. 86 erschienen.

Denn erst mit den Druckbögen zum zweiten Teil wurden die entsprechenden Austauschbögen sowie ein „Hinweis an den Buchbinder“ ausgeliefert, um das fehlende Märchen Nr. 86 nachträglich auch in den ersten Teil einzufügen. Das bedeutet, dass nur dann, wenn beide Bände gleichzeitig erworben wurden oder Band I noch nicht gebunden worden war, ein vollständiges Exemplar mit allen Märchen entstehen konnte.
Unser Sammlungsexemplar ist dem „Hinweis an der Buchbinder“ (bestehend aus drei Einzelhinweisen) folgend eingebunden worden:

in Band I wurde das Blatt mit den Seiten 387/388 ersetzt durch das „Blatt, welches an diesem (d. h. am Bogen F) befindlich ist“, so dass nach dem Text des Fragments Nr. 85 d) „Der gute Lappen“ das Märchen Nr. 86., „Der Fuchs und die Gänse“ den Schluss der Sammlung bildet. Entsprechend dem zweiten Hinweis wurde nach dem Anhang I- LX (am Ende des Viertelbogens E) der übrige Bogen F mit dem Inhalt der Seiten LXI („Den vorhergehenden Anmerkungen ist Folgendes gehörigen Orts einzuschalten.“) bis LXX sowie dem Blatt „Druckfehler zum ersten Theil“ eingebunden. Der dritten und letzten Anweisung im Hinweis an den Buchbinder folgend wurde „Der Viertelbogen D…an den Anhang des zweiten Theils“ eingebunden.

Im Vergleich zu unserem Exemplar befindet sich das im Kasseler Brüder Grimm Museum aufbewahrte Exemplar der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen mit den handschriftlichen Anmerkungen der Brüder Grimm, d. h. das zum Weltdokumentenerbe der UNESCO deklarierte so genannte „Kasseler Handexemplar“, in einem anderen Bindungszustand. Es enthält im ersten Band auf S. 387 f. den Text „Das gute Pflaster“ (Fragment 85d)). An das Ende des Zweiten Bandes gebunden, im Anschluss an dessen Seite 298, befindet sich auf einem „Bogen F“ ein Text auf den Seiten LXI bis LXX mit der Überschrift „Den vorhergehenden Anmerkungen ist Folgendes gehörigen Orts einzuschalten“, daran anschließend die Seiten 387f. mit dem Märchen Nr. 86 „Der Fuchs und die Gänse“, nachfolgend eine Seite ohne Seitenzahl „Druckfehler zum ersten Theil“. Den Schluss bildet ein Hinweis „An den Buchbinder“. Die Bindung des ersten Teils des „Kasseler Handexemplars“ gibt somit den Zustand wieder, in dem die Exemplare ursprünglich aufgrund des editorischen Versehens durch Reimer ausgeliefert wurden.

S. 387, ursprüngliches Blatt

S. 387, ursprüngliches Blatt

S. 387, Austauschblatt "Der Fuchs und die Gänse"

S. 387, Austauschblatt „Der Fuchs und die Gänse“

Die nachfolgenden Aufnahmen zeigen die Titelblätter der zweiten Ausgabe von 1819:

2 Auflage 1819, Titelblatt Band 1

2 Auflage 1819, Titelblatt Band 1

2 Auflage 1819, Titelblatt Band 2

2 Auflage 1819, Titelblatt Band 2

Thomas Carlyle, Leben Schillers

Carlyle-Einband

Ein weiteres Beispiel aus unserer Sammlung ist ein Exemplar von Thomas Carlyles Leben Schillers, aus dem Englischen, eingeleitet durch Goethe, (1830), in einem dunkelgrünen Ledereinband der Zeit.

Aus Goethes Tagebuch vom 18.6.1831 wissen wir: „An Herrn Thomas Carlyle ein Kistchen mit Büchern…“.

[1] Dieser Sendung lag auch ein Brief Goethes an den schottischen Historiker und Essayisten Thomas Carlyle (1795 – 1881) bei, mit dessen Frau Jane Welsh Carlyle (1801- 1866) Goethe ebenso wie mit Carlyle selbst langjährig befreundet war. In dem auf den 15.6.1831 datierten Brieftext heißt es: „Auch liegt ein Exemplar von dem übersetzten Leben Schillers bey, der Freundin gewidmet, damit sie erfahre, wie sich auch die Buchbinder des Continents aller Genauigkeit und Anmuth befleißigen“.[2] Unser Exemplar ist somit dasjenige, welches Goethe im Juni 1831 als Geschenk an die Carlyles geschickt hat, wie es auch der handschriftlichen Eintragung auf dem Vorsatzblatt unseres Exemplars (datiert 1. Aug. 1831) zu entnehmen ist.

Der Einband trägt eindeutige Merkmale des Restaurationsstils: er weist ein großes rechteckiges, beigefarbenes Mittelstück in Form einer blindgeprägten Platte auf sowie rahmenartige Goldfileten, darüber hinaus Rücken-, Steh- und Innenkantenvergoldungen. Aus welcher Werkstatt er stammt, ist aber nicht eindeutig nachzuweisen, denn der Einband trägt weder eine Signatur noch ein Etikett, welche auf den Künstler hinweisen könnten. Aus der oben zitierten Bemerkung Goethes kann aber ausgeschlossen werden, dass der Einband aus einer englischen Werkstatt stammt, denn die Beschenkte soll ja gerade erfahren, dass sich „die Buchbinder des Continents aller Genauigkeit und Anmuth befleißigen“. Vom Stile des Einbands her liegt ein französischer Buchbinder nahe, da einige zum Vergleich herangezogene Exemplare, z.B. solche aus der Werkstatt von Thouvenet, eine blindgeprägte Großplatte als ein typisches Element des aus Frankreich stammenden Restaurationsstiles zeigen. Die fehlende Signatur spricht aber gegen eine französische Provenienz. Daher ist zu vermuten, dass der Einband aus einer Berliner Werkstatt stammt, zumal die Berliner Buchbinder, allen voran Carl Wilhelm Voigt oder Carl Lehmann, stark nach dem Vorbild ihrer französischen Kollegen gearbeitet haben und zudem Goethe ihnen auch räumlich näher stand.

[1] Goethe: Werke (Weimarer Ausgabe), Abt. III, Bd. 13, S.94

[2] Ebenda: Abt. IV, Bd. 48, S. 240 (Nr. 219).

Schillers Wohnhaus in Weimar

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Schillers Gartenhaus über der Jenaischen Leutra

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