Jakob Michael Reinhold Lenz – Vertheidigung des Herrn W. gegen die Wolken

Ein äußerst seltener Druck des Sturm und Drang erzählt von Angriff, Einsicht und öffentlicher Selbstkorrektur. Lenz verteidigt Christoph Martin Wieland gegen eine Polemik, die er selbst verfasst hatte. Zugleich führt das Werk in das spannungsreiche literarische Verhältnis zwischen Lenz, Wieland und Goethe.

Literaturhistorische Zusammenhänge
Die 1776 anonym erschienene Schrift Vertheidigung des Herrn W. gegen die Wolken von dem Verfasser der Wolken gehört zu den ungewöhnlichsten Veröffentlichungen Jakob Michael Reinhold Lenz’. Hinter ihrem rätselhaften Titel steht eine paradoxe Entstehungsgeschichte: Lenz hatte Christoph Martin Wieland zunächst in einer Satire mit dem Titel Die Wolken angegriffen. Noch während der Herstellung änderte er seine Haltung, ließ den bereits gedruckten Haupttext vernichten und verfasste eine Verteidigung seines früheren Gegners.
Von den Wolken ist heute kein Exemplar bekannt. Erhalten blieb allein die Vertheidigung, die ursprünglich als beigefügte Korrektur gedacht war. So wurde der Widerruf zum einzigen sichtbaren Zeugnis eines ansonsten verschwundenen Publikationsvorgangs. Literaturgeschichtlich handelt es sich um eine Palinodie, also um die öffentliche Rücknahme einer früheren Position.

Die Verbindung zu Goethe
Goethe war weder Verfasser noch Herausgeber der Vertheidigung. Dennoch steht die Schrift in einem engen Zusammenhang mit seiner eigenen Wieland-Polemik. Goethe hatte 1773 die Farce Götter, Helden und Wieland als Reaktion auf Wielands Bearbeitung des Alceste-Stoffes geschrieben. Lenz drängte zum Druck beziehungsweise wirkte an der Veröffentlichung mit und trug so dazu bei, einen privaten Angriff öffentlich zu machen.
Wieland reagierte auf Goethes Farce bemerkenswert gelassen. Goethe suchte daraufhin die Aussöhnung und entwickelte nach seiner Übersiedlung nach Weimar ein freundschaftliches Verhältnis zu Wieland. Lenz vollzog mit seiner Vertheidigung eine vergleichbare, wenn auch eigenwilligere Neubewertung. Für eine Goethe-Sammlung ist der Druck daher kein Goethe-Werk, wohl aber ein bedeutendes Kontextstück zur literarischen Konstellation Goethe-Lenz-Wieland.

Inhaltliches
Ausgangspunkt war Wielands Besprechung von Lenz’ Anmerkungen übers Theater im Teutschen Merkur im Februar 1775. Wieland erkannte zwar das Genie des anonymen Autors, behandelte die Schrift jedoch in einer Weise, die Lenz als herabsetzend empfand. Die daraus entstandene Kränkung führte zur Satire Die Wolken und schließlich zu deren öffentlicher Korrektur.

Lenz verteidigt Wieland nicht in der Form einer ruhigen gelehrten Abhandlung. Der Text bleibt beweglich, selbstreflexiv und stellenweise polemisch. Er richtet den Blick zugleich auf Wieland, auf den früheren Angreifer und auf das literarische Publikum. Lenz prüft seine eigene Urteilsfähigkeit, unterscheidet zwischen Person und Werk und warnt vor persönlicher Kränkung, Gruppenbildung und literarischem Parteiwesen. Wieland soll nach seinen eigenen ästhetischen Voraussetzungen beurteilt werden, nicht allein nach dem Genie-Ideal des Sturm und Drang.

Unter dem Titel steht das Vergil-Motto Nec sum adeo informis, sinngemäß: So unansehnlich bin ich nicht. Es lässt sich doppelt lesen: als Selbstbehauptung Wielands und als Selbstverteidigung des Autors, der seinen früheren Angriff korrigieren muss. Auf der Schlussseite 48 mahnt Lenz die Dichterzunft zu Ruhe statt fortdauernder Fehde. Damit erweitert er den persönlichen Konflikt zu einer Kritik des literarischen Betriebs seiner Zeit.

Unser Exemplar
Das Exemplar der Sammlung Alexander Schippan zeigt die vollständige anonyme Titelfassung mit dem Vergil-Motto und der Jahreszahl 1776. Die Nachricht des Verlegers, und sämtliche Seiten mit der Lagenformel A-C8 sind vorhanden. Der Band befindet sich in einem braunen Ganzledereinband der Zeit. Der Rücken ist über fünf erhabenen Bünden gegliedert und mit floralen Goldstempeln sowie ornamentalen Fileten verziert. Das Rückenschild ist stark verblasst. Deckel, Kanten und Rücken zeigen altersgemäßen Berieb und einzelne Schabstellen; die Vergoldung ist in wesentlichen Teilen erhalten. Das Papier weist leichte Bräunung und vereinzelte Flecken auf.

Bibliographische Angaben
[Lenz, Jakob Michael Reinhold] Vertheidigung des Herrn W. gegen die Wolken von dem Verfasser der Wolken. [Lemgo: Helwing], 1776. 48 Seiten. Oktav. Bogensignaturen A-C8. Erstausgabe.

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