Johann Wolfgang v. Goethe – Festgedichte und Weimarer Maskenzug 1819

GOETHE IN WEIMAR 1818

Ein außergewöhnliches Widmungsexemplar der
„Festgedichte“

In der Sammlung Alexander Schippan befindet sich ein bemerkenswertes
Zeugnis aus Goethes später Weimarer Zeit: „Festgedichte. Weimar, 18ter
December 1818“. Der Band enthält den von Johann Wolfgang von Goethe
verfassten und konzipierten Maskenzug „Bey Allerhöchster Anwesenheit
Ihro Majestät der Kaiserin Mutter Maria Feodorowna in Weimar“.

Das Exemplar ist aus drei Gründen besonders bedeutend: Es gehört zur
seltenen, nicht für den regulären Handel bestimmten Druckfassung von
1818; es dokumentiert einen der großen späten Weimarer Maskenzüge
Goethes; und es trägt eine eigenhändige, datierte und signierte Widmung
Goethes an Herzogin Friederike von Cumberland.

DER 18. DEZEMBER 1818

Der auf dem Umschlag genannte 18. Dezember 1818 war der Tag des großen
Maskenzugs zu Ehren der russischen Kaiserinmutter Maria Feodorowna. Sie
hielt sich vom 23. November bis zum 21. Dezember 1818 in Weimar auf. Der
Hof begleitete ihren Besuch mit Theateraufführungen, Illuminationen und
Festen.

Goethe erhielt den Auftrag, noch einmal einen großen Maskenzug zu
gestalten. Das Ergebnis war weit mehr als höfische Unterhaltung. Weimar
präsentierte seine eigene kulturelle Geschichte: Dichtung, Theater,
Künste und Wissenschaften wurden in Figuren, Kostüme und Szenen
verwandelt.

GOETHE ALS KURATOR DES WEIMARER GEDÄCHTNISSES

1818 war Goethe 69 Jahre alt. Schiller, Herder und Wieland waren bereits
gestorben. Der Maskenzug wirkt deshalb wie ein Rückblick auf die große
Epoche des klassischen Weimar.

Im Festzug erscheinen Figuren aus Goethes und Schillers Werken ebenso
wie Allegorien und klassische Dichtungsformen. Das gedruckte „Personal“
am Ende des Bandes nennt unter anderem Faust als Doctor, Faust als
Ritter, Wagner und Mephistopheles. Auch Götz von Berlichingen,
Wallenstein, Thekla und Tell sind vertreten.

Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung von Literatur und realer
Weimarer Gesellschaft: Neben jeder Rolle nennt die Liste den
tatsächlichen Teilnehmer oder die Teilnehmerin. Literatur wird
buchstäblich lebendig.

FAUST AUF DER HOFBÜHNE

Eine Seite des Bandes zeigt den Auftritt Mephistopheles’. Damit wird
„Faust“ Bestandteil der höfischen Festinszenierung. Goethe behandelt das
eigene Werk nicht als abgeschlossenes Monument, sondern als Material,
das sich erneut verwandeln und in neue Zusammenhänge stellen lässt.

Auch die drei Dichtarten Tragödie, Komödie und Epos treten als Personen
auf. Abstrakte poetische Kategorien werden verkörpert. Der Maskenzug ist
damit Theater, Literaturgeschichte und ästhetisches Programm zugleich.

DIE WIDMUNG AN FRIEDERIKE VON CUMBERLAND

Den herausragenden Rang des Exemplars begründet die eigenhändige Widmung
Goethes. Sie ist auf den 19. Dezember 1818 datiert – den Tag nach dem
Maskenzug.

Goethe widmet den Band „Ihro der Durchlauchtigsten Frauen Friederiken
Herzoginn von Cumberland Königl. Hoheit“ und bezeichnet sie, nach der
Lesung der Handschrift, als seine „ewig verehrte Gönnerinn“. Unter der
Widmung stehen Ort und Datum „Weimar d. 19 Dec. 1818“ sowie Goethes
charakteristische Signatur.

Die Datierung ist entscheidend: Das Exemplar wurde nicht erst Jahre
später signiert, sondern steht unmittelbar im historischen Zusammenhang
des Festes.

GOETHE UND FRIEDERIKE

Friederike Caroline Sophie von Mecklenburg-Strelitz, seit 1815 Herzogin
von Cumberland und später Königin von Hannover, war Goethe persönlich
bekannt. Das Goethe- und Schiller-Archiv dokumentiert mehrere Briefe
Goethes an Friederike.

Eine besonders wichtige Begegnung fand am 16. August 1815 auf der
Gerbermühle bei Frankfurt statt. Goethe erinnerte sich später
dichterisch an den überraschenden Besuch Friederikes und ihres Gemahls
Ernst August. Die über Jahre fortgesetzte Korrespondenz und mehrere
Goethe-Handschriften aus dem ehemaligen Besitz des Welfenhauses belegen,
dass es sich nicht um eine flüchtige höfische Bekanntschaft handelte.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Formulierung der Widmung von 1818
besonderes Gewicht.

EIN SELTENER PRIVATDRUCK

Die Goethe-Bibliographie unterscheidet die 1819 bei Cotta erschienene
Handelsausgabe von einigen Exemplaren ohne Ort und Verlag, die auf 1818
datiert sind und als Privatdruck geführt werden. Das Exemplar der
Sammlung Alexander Schippan trägt auf dem Titel des Maskenzugs lediglich
die Jahreszahl 1818 und keine Verlagsangabe.

Schon ältere Antiquariatskataloge bezeichneten diese Fassung als selten
und als nicht für den Handel bestimmt. Ein 1924 bei Emil Hirsch
angebotenes Exemplar wurde ausdrücklich als „nicht in den Handel
gekommene Ausgabe“ beschrieben.

Ein weiteres Widmungs-/Autorenexemplar der 1818er Fassung wurde im
Katalog der Stuttgarter Antiquariatsmesse 2022 angeboten.

PROVENIENZ

Das Exemplar trägt das Exlibris „Alexander Schippan“.

Gesichert sind damit zwei wichtige Stationen: die ursprüngliche Widmung
Goethes an Herzogin Friederike von Cumberland und die spätere
Zugehörigkeit zur Sammlung Alexander Schippan. Der Weg des Buches
zwischen diesen Stationen ist Gegenstand weiterer Provenienzforschung.

BEDEUTUNG FÜR DIE SAMMLUNG

Das Buch ist mehr als eine seltene Goethe-Erstausgabe. Es verbindet
einen konkreten historischen Abend in Weimar, Goethes literarisches
Werk, die höfische Festkultur und eine persönliche Beziehung des
Dichters zu Friederike von Cumberland.

Der Maskenzug selbst lässt sich als lebendes Archiv des klassischen
Weimar verstehen: Literatur, Theater, Kunst und Wissenschaft ziehen als
Figuren am Publikum vorbei. Der Druck bewahrt dieses flüchtige Ereignis.
Die eigenhändige Widmung vom 19. Dezember 1818 macht das Exemplar
zugleich zu einem persönlichen historischen Dokument.

Es handelt sich somit um ein außergewöhnliches Präsentations- und
Assoziationsexemplar aus Goethes später Weimarer Zeit.

Dossier: Goethes Festgedichte und der Maskenzug von 1818