PUNTILLO – Was steckt dahinter?

Lesen ist Erlebnis

 

Informatorisches Lesen

Unterschiedliche Leser-Typen lassen sich nach dem Leseverhalten kategorisieren: Man unterscheidet einerseits das informatorische Lesen, das dazu dient, sich Wissen anzueignen, Informationen aufzunehmen. Bei einer solchen Zielrichtung wird es dem Leser in Zukunft noch mehr um die Geschwindigkeit und die zielgerichtete Erfassung der Information gehen: es geht um Texte, bei denen es auf Durchsuchbarkeit ankommt, z.B. um wissenschaftliche Publikationen, Verzeichnisse etc.. Solche Texte sind wegen der digitalen Aufbereitung komfortabel zu durchsuchen. Wenn es einem beim Lesen nicht um haptische oder ästhetische Gestaltung des Mediums geht  –  z. B. auch bei der Urlaubslektüre –  sind solche Texte ideale Kandidaten für e-Books.

Identifikatorisches Lesen

Davon zu unterscheiden ist  das identifikatorische Lesen, das dem Leser die Möglichkeit bietet, sich in Personen, Stimmungen, Situationen hinein zu versetzen und sich mit ihnen zu identifizieren.

 

 

Besser als Kurt Tucholsky kann ich es nicht ausdrücken:

“Manchmal, o glücklicher Augenblick, bist du in ein Buch so vertieft, dass du in ihm versinkst – du bist gar nicht mehr da. Herz und Lunge arbeiten, dein Körper verrichtet gleichmäßig seine innere Fabrikarbeit, – du fühlst ihn nicht. Du fühlst dich nicht. Nichts weißt du von der Welt um dich herum, du hörst nichts, du siehst nichts, du liest. Du bist im Banne eines Buches.”

Gemeint ist also das tief beglückende Gefühl, das sich offenbar nur durch eine fließende Interaktion mit dem Text einstellen mag, so dass die Zeit quasi “im Fluge vergeht”. Der Mainzer Buchhistoriker und Gutenberg-Biograf Stefan Füssel formuliert dies sogar als eine “anthropologische Grundtatsache” : “Ein intensives Lesevergnügen entsteht nur dort, wo sich jemand über eine Buchseite beugt, Genuss und Nachdenklichkeit hängen ab von der Sinnlichkeit von Papier und Einband, von der augenfreundlichen Kontur und Tiefe einer gedruckten Schrift.”

Im Gegensatz dazu verlangt das Internet von seinem “User” ein portioniertes Surfen in geschmacksneutraler Umgebung, also die Konsumption bestimmter Häppchen von Information, oft im Sinne eines Multitasking, veranlasst durch eine Fülle von Hyperlinks. Ein E-Book, vor allem dasjenige mit der multimedialen Ausstattung, wird ein damit vergleichbares Leseerlebnis hervorrufen. Dies hat wie ausgeführt für eine Vielzahl von Anwendungsbereichen seine Berechtigung. Anders ausgedrückt: Das Internet bedeutet ein Surfen auf der Oberfläche, das Lesen ein Eintauchen in den Ozean der Worte.

Die folgende Betrachtung mag belegen, dass das Medium “Gedrucktes Buch” gerade zum identifikatorischen Lesen seine besondere Daseinsberechtigung behalten wird:

Besonderheiten des gedruckten Buchs

Ein Buch, zumal ein schön gestaltetes, ist ein unikaler Gegenstand: Man kann es verschenken, verpacken, es einem lieben Menschen widmen oder vererben, man kann Papier und Einband sinnlich, nämlich visuell, haptisch und olfaktorisch erfassen, das Umblättern der Seiten hören. Ein Buch lebt, es verändert seinen Zustand während des Lesens und im Laufe der Jahre, zuweilen auch Jahrhunderte und geht dabei durch viele Hände. Die durch Exlibris oder andere Besitzvermerke nachweisbare Provenienz ist ein bedeutsamer Faktor für den Wert eines Buches. Dabei behält es seinen Inhalt stets in unveränderlicher Form, abgesehen vielleicht von kleinen Refugien für den Bücherwurm. Heute noch können wir Texte aus der Wiegenzeit des Buchdrucks, sog. Inkunabeln, lesen in einer Qualität als wären sie gestern entstanden.

Demgegenüber ist der Inhalt elektronischer Medien flüchtig, man denke nur an Floppy Discs oder an andere “Disketten”, für die es heute keine Lesegeräte mehr gibt. Auch besteht wenig Anhalt, einen E-Book Reader nur deswegen besonders zu bewerten, nur weil ein bestimmtes Buch auf ihm gespeichert sei. “Kontent” ist jederzeit austauschbar. Selbst Ken Follett weigerte sich, ein I-Pad zu signieren, ohne zu verifizieren, dass eines seiner Werke dort abgespeichert war.

Auch kann ich mir einen i-Pad nur schwer unbeschädigt in der Badewanne vorstellen oder wenn er im Moment des Einschlafens auf den Knien liegen bleiben soll. Darüber hinaus sind die meisten E-Book Reader technisch aufgrund der Reflexionen absolut ungeeignet, um ihren Inhalt unter südlicher Sonne zu erkennen..